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Bodensee-Rüstungsindustrie und ein Geburtstag

Als Tourist fragt man sich ganz gerne mal, wovon die Menschen eigentlich leben, in der schönen Region, in der man gerade zu Besuch ist, abgesehen vom Tourismus natürlich. Gibt es für die gesamte Bodenseeregion eine Branche, die man zuallererst nennen müsste? Ja und die Antwort dürfte viele Besucher schockieren: Die Rüstungsindustrie.

Rüstungsindustrie-Cluster-Bodensee

Im beschaulichen Überlingen bauen beispielsweise ca. 900 Angestellte im militärischen Bereich der Firma Diehl Defence unter anderem Fliegerbomben. In Friedrichshafen liefert die Firma MTU/Tognum für den Leopard-Panzer die Motoren, die Firma Zahnradfabrik Friedrichshafen (ZF) das Getriebe. Der Dornier-Nachfolger EADS-Cassidian fertigt in Immenstaad Komponenten für Kampfflugzeuge (z.B. Eurofighter). Dieser Militär-Cluster zieht sich um den gesamten Bodensee, von Konstanz über Kreuzlingen und Lindau bis nach Altenrhein. Überall gibt es Waffenschmieden. Einen Überblick bietet eine Karte der Schweizer Wochenzeitung WOZ. Mehrere tausend Menschen sind am beschaulichen Bodensee direkt in dieser Branche beschäftigt, die es meist bevorzugt, sich sich selbst mit dem englischen Wort "Defence" zu bezeichnen.

Die Rolle Graf Zeppelins

Dieses Industriecluster am Bodensee ist nicht zufällig entstanden. Die Bodensee-Waffenschmieden gehen fast alle direkt (z.B. EADS-Cassidian und ZF) oder indirekt (z.B. als Zulieferer wie MTU/Tognum) auf das Wirken des Grafen Ferdinand von Zeppelin zurück. Graf Zeppelin ließ nicht nur die nach ihm benannten Luftschiffe bauen, sondern auch Flugzeuge, in den späteren Dornier-Werken. Und es scheint ganz so, als habe man Graf Zeppelin keineswegs dazu drängen müssen das Know-How seiner Firma militärisch zu nutzen. Im Jahr 1916 soll Graf Zeppelin einem deutschen Generaloberst gesagt haben: "Ganz England muss brennen!" Und schon im ersten Weltkrieg nutzte das deutsche Militär seine Luftschiffe. Für die Luftwaffe Nazi-Deutschlands sollten später Bomber und Aufklärer aus den Dornier-Werken eine wichtige Rolle spielen. Da war Graf Zeppelin zwar schon längst verstorben. Aber fraglos hat er den Grundstein für die noch heute sehr starke Rüstungsindustrie am Bodensee gelegt.

Überlingen
Überlingen: Fliegerbombenproduktion von Diehl Defence

Geburtstags­feierlichkeiten

Im Juli 2013 wäre Graf Zeppelin 175 Jahre alt geworden. Und man kann ja durchaus seinen Geburtstag feiern und sich an den faszinierenden Zeppelinen erfreuen, deren große Ära 1937 mit der Katastrophe von Lakehurst zu Ende gegangen ist. Und auch über die Rüstungsindustrie kann man unterschiedlicher Auffassung sein. Aber wenn man das Produzieren von Waffen positiv sieht, so sollte man das doch mit einer gewissen Demut tun. Waffen vom Bodensee haben schon viele Menschen getötet. Und die Firmen am Bodensee, die hier heute produzieren bzw. ihre Vorgänger waren wichtige Waffenlieferanten für Hitlers Vernichtungskriege. Wenn man meint, den Geburtstag des "Gründervaters" des Bodensee-Waffen-Industrie-Clusters feiern zu müssen, dann sollte das auch mit einer differenzierten Auseinandersetzung mit den Folgen seines unternehmerischen Handelns verbunden sein. Graf Zeppelin ist aus heutiger Sicht ganz sicher weder ein Held, noch ein Vorbild (dazu hat die örtliche Zeitung Südkurier ihn doch allen Ernstes erhoben). So etwas zu schreiben zeugt von fehlendem Geschichtsbewusstsein. Hemmungsloser undifferenzierter Jubel hat doch eher etwas bei den schönen Sommerfesten zu suchen, die wir dann feiern, wenn die deutsche Fußball-Nationalmanschaft spielt oder Lena beim Euro-Visions-Contest antritt. Und wenn man in Friedrichshafen mit der größten Glückwunschkarte aller Zeiten ins Guiness-Buch der Rekorde will: Es gibt geeignetere Adressaten für so etwas als den Grafen Ferdinand von Zeppelin.